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Dr. Gabor Maté: Wenn der Körper nein sagt

Wie verborgener Stress krank macht und was Sie dagegen tun können

Das vorliegende Buch von Gabor Maté ist eines der wichtigsten Bücher, die ich in der letzten Zeit gelesen habe. Sein Thema sind krank machende Auswirkungen des verborgenen Stress, dessen Bedeutung für Entstehung und Heilung unterschiedlicher Krankheiten wesentlich ist.

Häufige Krankheiten, die in Verbindung mit verborgenem Stress entstehen, sind Autoimmunerkrankungen. Der Name spricht für sich. Was lässt den Körper sich selbst als Feind erleben, den es zu bekämpfen gilt?

Dr. Maté ist Arzt und mit diesem Thema durch eigene Praxis vertraut. Er führt in seinem Buch vielfältige Studien von Ärzten, Therapeuten, Universitäten und Forschungszentren an, die eine fundierte Grundlage seiner Analysen bilden. Die Beschreibung dessen, was im Körper geschieht macht es dem medizinischen Laien nicht ganz leicht, bei der Stange zu bleiben. Aber zahlreiche Patientengeschichten erzählen von seelischen Belastungen und nachfolgenden Krankheiten, die gut nachvollziehbar beschrieben sind und die Lektüre fesselnd gestalten. Die Schilderungen der persönlichen Geschichten, auch von bekannten Persönlichkeiten, welche meist in der Kindheit oder Jugend emotionalen Stressbelastungen ausgesetzt waren macht die späteren physischen Erkrankungen unmittelbar nachvollziehbar. Ob es sich um MS, Alzheimer oder andere Krankheiten handelt – es ist ein deutliches Muster erkennbar.

Bei den geschilderten Patienten handelt es sich oft um „nette“, freundliche, sehr hilfsbereite Menschen, die ihren eigenen seelischen Schmerz, ihre Bedürfnisse nicht fühlen, sich selbst stark zurücknehmen und in selbstausbeuterischer Weise für andere da sind. In jungen Jahren entwickeln sich Vermeidungsstrategien, um z. B. Streit oder Gewalt im Elternhaus zu entgehen und den oft unbewussten, verborgenen Erwartungen und Bedürfnissen der Erzieher zu entsprechen. Das Muster etabliert sich, steuert auch noch den erwachsenen Menschen und verhindert so, die eigene Persönlichkeit zu leben oder auch nur tatsächlich wahrzunehmen. – Die Psyche zeigt sich als Gestalter des Körpers, und dem gilt es bei der Behandlung der Krankheiten Rechnung zu tragen. Psyche und Körper existieren nicht unabhängig voneinander.

Die Fallstudien sind umfangreich, gut erklärt und werden bei so manchem Leser die eigene Geschichte und die eigenen Verhaltensmuster beleuchten. Erst im letzten Kapitel geht es um die Prinzipien der Heilung, die kurz und prägnant beschrieben werden. Dieser Teil hätte gern ausführlicher ausfallen dürfen.

Krankheit hat nicht nur eine Geschichte, sie erzählt auch eine Geschichte. Sie ist der Höhepunkt einer lebenslangen Geschichte des Ringens um das Selbst. Aus einer einfachen biologischen Perspektive mag es den Anschein haben, als wäre das Überleben des physischen Organismus als ultimative Ziel der Natur. Die Existenz einer autonomen selbstregulierenden Psyche scheint jedoch das höhere Ziel der Natur zu sein. Geist und Seele können schwere körperliche Verletzungen überleben, aber wir sehen immer wieder, dass der physische Körper unterliegt, wenn die psychische Integrität und Freiheit in Gefahr sind.“ (Seite 280)

Das Zitat bildet eine Quintessenz des Buches. Das zu verstehen und die Konsequenzen zu bedenken erscheint mir gerade in dieser Zeit der Corona-Hysterie wesentlich. Was die Seele stärkt, stärkt auch den Körper. Den Körper vorrangig und separat zu behandeln ist wenig zielführend.

Unimedica – Narayana-Verlag 2020, 368 Seiten, ISBN 978-3-96257-174-0, 24,80€